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"Tag des offenen Schranks" oder "Resonanz braucht Zeit"

Waren Sie schon mal bei einem „Ein Tag des offenen Schranks“? Ich nicht, aber die Idee gefällt mir – auch wenn sie nicht von mir ist, sondern von den Teilnehmern unseres Workshops auf dem diesjährigen Kommunikationskongress in Berlin.

Hunderte von Kommunikationsprofis haben sich dort zwei Tage lang mit dem Motto „Zeit“ auseinandergesetzt. Es brachte uns auf die Idee, uns mit der besonderen Bedeutung des Faktors Zeit in der Veränderungskommunikation zu beschäftigen.

Die Aufgabe: Menschen berühren

Die Aufgabe unseres Workshops mit dem Titel „Du musst dein Ändern leben“: eine Kommunikationsmaßnahme zu entwickeln, um den Wert „Offenheit“ im Unternehmen zu verankern. Die Teilnehmer hatten nur wenige Minuten Zeit, um eine Idee auf das Flipchart zu kritzeln, die das Zeug dazu hat, Menschen zu berühren – und in ihnen etwas zum Klingen zu bringen. Ein Ergebnis: der Tag des offenen Schranks.

Uns ging es um die Frage: Wie muss Kommunikation jenseits des medialen Dauerrauschs aussehen? Wie entsteht emotionales Erleben? Wie hilft Zeit dabei, dass Kommunikation dauerhaft wirkt?

Der Soziologe Hartmut Rosa öffnet mit seinem Konzept der Resonanz einen neuen Blickwinkel auf solcherlei kommunikative Fragestellungen. Emotionales Berührtsein lässt sich ihm zufolge nicht erzwingen – genauso wenig wie das Einschlafen. Freiwilligkeit ist Voraussetzung. Resonanz heißt: emotionale Wechselbeziehungen zu stärken. Damit gewinnen beispielsweise Formate der direkten Interaktion auf einen Schlag eine viel größere Bedeutung in der Unternehmenskommunikation als die medial vermittelten Inhalte in oder auf Newslettern, Postern oder Broschüren.

Ein Gegenentwurf zum medialen Dauerrauschen

Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski hat es auf dem Kongress passend formuliert: „Mediale Erlebnisse gehen schnell durch uns hindurch.“ Und: „Erfahrung braucht Zeit.“ Man könnte es auch anders sagen: Resonanz braucht Zeit – und das Bewusstsein dafür, dass emotionales Berührtsein eben nicht garantiert werden kann.

Wenn Kommunikatoren die Ökonomie der Beschleunigung als Resonanzverhinderer enttarnen, tun sich ihnen neue Möglichkeiten auf. Mit dieser Haltung können sie in Veränderungsprozessen die Erwartungen ihrer Stakeholder besser managen – und verargumentieren, weshalb Führungskräfte und Mitarbeiter Zeit in die Veränderung investieren und Räume schaffen sollten, die Resonanzerleben möglich machen.

Kairos eine Chance geben

Ich kann mir vorstellen, dass ein „Tag des offenen Schranks“ ein solcher Raum wäre, in dem Interaktion über (vermeintliche) Kontrolle siegt. In dem Kairos, der Gott des rechten Zeitpunkts, eine Chance auf eine Stippvisite hat. Und in dem Veränderung für Mitarbeiter und Führungskräfte spürbar wird wie der Herbst, der als kühler Strom durch ein gekipptes Fenster eines Morgens ins Büro schwappt.

Vor meinem inneren Auge sehe ich Abteilungen, die Fotos ihrer Schränke posten, in der Mittagspause über die Grenzen der Offenheit diskutieren und stolze Blaumänner, in deren Werkstatt sich sonst kaum eine Büroseele verirrt. Eine gute Idee braucht nicht immer viel Zeit, aber oft eine neue Perspektive. Der Kommunikationskongress 2019 hat den Blick geweitet – und mich neugierig auf Schränke gemacht.